Newsletter Oktober 2021

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Herzlich Willkommen im Wintersemester 2021/22!

Wir haben wieder spannende Themen und Informationen aus dem ZiWiS gesammelt: So gibt es einen kurzen Bericht über die Kooperation des ZiWiS mit dem neuen Zukunftsmuseum in Nürnberg und ein Gespräch mit Dr. Jon Leefmann und Dr. Sebastian Schuol über Themen der Wissenschaftsreflexion. Außerdem Hinweise auf Lehrveranstaltungen im Bereich Schlüsselqualifikationen sowie Tipps und Tricks für einen gelungenen Start ins Semester!

Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre!


Flaschenpost

Kooperation mit dem Zukunftsmuseum

Wie verändern KI und Robotik unsere Gesellschaft? Was ist ein Cyborg? Wie sieht die Medizin der Zukunft aus? Es dürfte wenige Orte geben, an denen sich besser über solche gesellschaftlichen und wissenschaftsreflexiven Fragen nachdenken lässt als im neuen Deutschen Museum Nürnberg (DMN) – dem „Zukunftsmuseum“.

Das seit Kurzem eröffnete Haus arbeitet im Rahmen eines Kooperationsvertrags eng mit der FAU zusammen – und das ZiWiS ist als zentrale Koordinationsstelle dieser Zusammenarbeit in vorderster Reihe dabei. Bereits vor der Eröffnung hat sich erfolgreich das neue Format „Zukunftsplausch“ von DMN und ZiWiS etabliert: https://www.ziwis.fau.de/2021/05/04/online-vortragsreihe-uebermorgen-der-zukunftsplausch/

Zudem werden die sog. „Future Communicators“ des Museums von den Mitarbeiter*innen des ZiWiS in Wissenschaftsethik und Wissenschaftskommunikation auf den neuesten wissenschaftlichen Stand gebracht, um diesen wiederum an die Besucher*innen des Museums weiterzugeben und zu Diskussionen anzuregen. Viele weitere Kooperationen in den Bereichen Forschung, Lehre und Outreach werden folgen – wir freuen uns darauf!


Unsere Lehrveranstaltungen im Wintersemester

Auch im kommenden Semester bieten wir wieder zahlreiche Veranstaltungen im Bereich Schlüsselqualifikationen an. Das vollständige Lehrangebot ist auf unserer Homepage unter „Schlüsselqualifikationen“ zu finden; dort finden Sie auch die Links zum Vorlesungsverzeichnis.

In folgenden Lehrveranstaltungen sind noch Plätze frei:


Wissenschaftsreflexion: Ein Interview

Sebastian Schuol und Jon LeefmannWas macht man eigentlich, wenn man sich mit Wissenschaftsreflexion beschäftigt? Wir haben Dr. Jon Leefmann (rechts) und Dr. Sebastian Schuol (links) gefragt, woran sie aktuell arbeiten.

  1. Hallo Jon, hallo Sebastian, Ihr beschäftigt Euch mit Wissenschaftsreflexion, d.h. mit dem Nachdenken über Wissenschaft. Woran arbeitet Ihr da genau?

Jon Leefmann: Mich interessiert, warum es möglich ist, dass wir aufgrund der Tatsache, dass Andere uns etwas mitteilen, zu Wissen gelangen können. Das klingt wahrscheinlich zunächst nach einer ziemlich komischen Frage; aber warum es möglich ist, etwas allein aufgrund der Mitteilungen Anderer zu wissen, ist gar nicht so einfach zu erklären. Das hat unter anderem mit Anforderungen an den Wissensbegriff zu tun. Um zu wissen, reicht es nicht, einfach nur etwas zu glauben. Man braucht auch Gründe, die dafürsprechen, dass das, was man glaubt, wahr ist, und diese Gründe müssen auf eine bestimmte Weise beschaffen sein.

Die Frage ist daher: Welche Gründe berechtigen uns dazu, etwas als wahr zu akzeptieren, das andere Personen uns mitgeteilt haben? Wie viele philosophische Fragen ist diese Frage nicht besonders neu. Ich interessiere mich daher für eine ganz bestimmte Möglichkeit, sie zu beantworten. Diese hat damit zu tun, dass wir als Rezipient_innen, d.h. als Empfänger_innen einer Nachricht, in einer Abhängigkeitsbeziehung zu den Sprecher_innen stehen und daher die berechtigte Erwartung haben, von diesen nicht falsch informiert zu werden. Nun stellt sich die Frage, wie diese Erwartung ein relevanter Grund sein kann, die Aussage einer anderen Person als wahr zu akzeptieren. Manche würden diese Erwartungshaltung auch „Vertrauen“ nennen.

 

Sebastian Schuol: Aktuell beschäftigt mich das Thema „Scheitern in den Wissenschaften“. Zumeist wird der Wissenschaftsprozess als lineare Erfolgsgeschichte dargestellt, sozusagen von der Dunkelheit ins Licht. Das aber ist eine Verkürzung. Bei genauerer Betrachtung gibt es wie im richtigen Leben Erfolge und Misserfolge. Experimente führen mitunter nicht zum erhofften Ergebnis, die Publikation einer Theorie kann misslingen – so manche Forscher_innen stehen nach einem langen und mühevollen akademischen Ausbildungsweg vor den Trümmern ihrer Karriere.

Ich interessiere mich für Systematik und betreibe Begriffsanalyse. So kann Scheitern aufgrund von Fehlern erfolgen oder aufgrund von Irrtum. Die beiden Ursachen sind grundverschieden. Fehler setzen nämlich bestehendes Wissen voraus. Es gibt ein Ziel und es gibt einen Handlungsablauf dahin. Wer letzteren nicht berücksichtigt, macht einen Fehler. Bei Irrtümern ist das anders. Wer einen neuen Weg beschreitet – und Forscher_innen schaffen ja neues Wissen – dem fehlt solche Sicherheit. Die gewählten Mittel können sich als ungeeignet zum Erreichen des Zieles erweisen oder das Ziel erscheint nicht mehr erstrebenswert – ein Irrtum eben. Ob ein Fehler oder ein Irrtum das konkrete Scheitern verursacht, hat allerdings verschiedene Folgen.

 

  1. Das klingt alles ganz schön abstrakt. Kann man diese Themen auch auf unseren Alltag anwenden?

Sebastian Schuol: Auf jeden Fall. Denken wir z.B. an die aktuelle Corona-Impfdebatte. Manche Impfstoffe verlangen ja eine geschlossene Kühlkette – der Verstoß dagegen führt zu einem unwirksamen Impfstoff, sodass das Ziel, die Immunisierung, nicht gelingt. Eine Impfkampagne kann also wegen eines Fehlers scheitern. Wissen über die korrekte Handhabe war vorhanden. Erweist sich allerdings ein Impfstoff deswegen als unwirksam, weil das Virus in der Zwischenzeit mutiert ist und keine Angriffsfläche mehr bietet, führt dies ebenfalls zum Scheitern der Impfkampagne, allerdings aufgrund eines Irrtums; über die Mutation lag im Vorfeld kein Wissen vor.

Ob ein Fehler oder ein Irrtum vorlag, hat unterschiedliche Folgen. Im ersten Falle kann ggf. von Schuld gesprochen werden, da gegen das bestehende Wissen verstoßen wurde. Im zweiten Falle ist dies aber nicht möglich, denn die Mutation lag nicht in unserer Hand. Die Folgen unterscheiden sich also systematisch (sind fehler- oder irrtumsabhängig) und dieser Unterschied kann auf moralischer Ebene Bedeutung haben (Schuld).

 

Jon Leefmann: Ja, die Anwendung auf den Alltag ist sogar die Absicht. Ich versuche zum Beispiel die Antwort auf die zuvor erwähnte Frage auf den Kontext der Kommunikation zwischen wissenschaftlichen Expert_innen und Laien zu übertragen. Wissenschaftskommunikation ist ja nicht nur deswegen ein aktuelles Thema, weil vom Klimawandel bis zur Regulierung der Corona-Pandemie viele politische Entscheidungen auf wissenschaftliches Wissen angewiesen sind, sondern auch, weil diese Krisen nur durch gemeinschaftliche Anstrengungen überwunden werden können. Es braucht daher wissenschaftlich fundiertes Wissen, nicht nur bei den politischen Entscheidungsträger_innen, sondern überall in der Bevölkerung.

Allerdings treten in diesem Kontext auch weitere Probleme auf. Wissenschaftliches Wissen ist in der Regel Spezialwissen, das für Laien nicht ohne Weiteres verstehbar ist. Zudem ist es häufig mit Unsicherheiten behaftet und nicht immer gibt es einen wissenschaftlichen Konsens. In der Corona-Pandemie haben wir das oft erlebt. Zudem hängt die Genauigkeit wissenschaftlicher Aussagen auch von wertbasierten Entscheidungen ab, die während des Forschungsprozesses getroffen werden müssen. Daher ist die Glaubwürdigkeit des vermittelten Wissens aus Sicht der Rezipient_innen viel schwieriger einzuschätzen als im Fall des Alltagswissens, wo Fehler und Widerspruch leichter auffallen. Andererseits gibt es in der Wissenschaft eine ganze Reihe praktischer Normen, die die Zuverlässigkeit wissenschaftlichen Wissens garantieren sollen. Vertrauen in die Aussagen wissenschaftlicher Expert_innen gründet daher oft in der Erwartung, dass diese Normen eingehalten werden und geeignet sind, die Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Aussagen sicherzustellen.

 

  1. Vertrauen ist ja eher ein positives Thema, Scheitern klingt dagegen immer negativ. Seid Ihr sowas wie der Good Cop – Bad Cop im ZiWiS?

Jon Leefmann: Ich würde mich jetzt nicht als „Cop“ bezeichnen wollen. Aber Vertrauen nur positiv zu sehen, wäre schon deshalb zu einfach, weil es üble Konsequenzen haben kann, den falschen Personen zu vertrauen. Wenn die (angeblichen) Expert_innen nicht vertrauenswürdig sind, dann ist es offensichtlich klüger, ihnen nicht zu vertrauen.

Zudem ist es umgekehrt nicht nur schmeichelhaft, wenn einem jemand vertraut. Vertrauen kann auch eine Bürde sein, z.B. wenn dieses Vertrauen ungelegen kommt oder Erwartungen zum Ausdruck bringt, die einen überfordern. Es dann enttäuschen zu müssen, ist nicht leicht. Aber es stimmt natürlich, dass Vertrauen viele positive Seiten hat. Es ermöglicht z.B. zwanglose Kooperation: Wenn die Bürger_innen sich freiwillig impfen lassen, weil sie Politiker_innen und Wissenschaft vertrauen, dass die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung wirksam und mit geringen gesundheitlichen Risiken verbunden sind, dann müssen z.B. Diskussionen über Werbekampagnen oder eine gesetzliche Impfpflicht gar nicht geführt werden. Vertrauen ist auch deshalb positiv, weil es uns überhaupt erst handlungsfähig macht. Um erfolgreich handeln zu können, müssen wir uns darauf verlassen, dass die Welt nicht gegen uns arbeitet. In diesem trivialen Sinne ist die Fähigkeit, vertrauen zu können, natürlich etwas Gutes.

 

Sebastian Schuol: Ich hätte nichts gegen die Rolle des Bad Cop, leider klappt das aber nicht. Im Rahmen unserer Forschung verstehen wir Scheitern nämlich durchaus auch als einen positiven Begriff. Das machen wir durch die Bezeichnung produktives Scheitern kenntlich. So ist jedes negative Forschungsergebnis, etwa im Rahmen eines Experiments, letzten Endes immer ein Ergebnis und trägt zum allgemeinen Fortschritt bei. Um mit dem Philosophen Karl Popper (1902-1994) zu sprechen, die Hypothese wurde falsifiziert, diesen Weg können sich andere sparen.

Aber auch im Rahmen der philosophischen Strömung des Existenzialismus ist Scheitern insofern positiv konnotiert, als es von der Möglichkeit zeugt, anders handeln zu können (d.h. Vorgegebenes nicht bloß auszuführen). Scheitern zeugt also von Eigeninitiative und Freiheit. Zwar schmerzt das Scheitern im jeweiligen Moment. Auf höherer Ebene ist aber eben dieser Schmerz Zeichen eines handlungsfähigen und deswegen freien Subjekts. Hätte es lediglich Vorgaben erfüllt, würde es nicht in dieser Weise leiden. Tatsächlich gibt es ein ganzes Arsenal an positiven Aspekten des Scheiterns in den Wissenschaften.

 

  1. Bei näherer Betrachtung wäre die Einteilung „Good Cop – Bad Cop“ also gar nicht so eindeutig. Ist Uneindeutigkeit typisch für wissenschaftsreflexives Arbeiten?

Sebastian Schuol: Tatsächlich habe ich das auch eher als lustige Anspielung verstanden. Diese Aufteilung, oder besser ihr Scheitern, ist dennoch hilfreich, denn sie zeigt uns, dass es immer etwas Vordergründiges gibt, das leicht zu verstehen ist – die Dinge liegen sozusagen auf der Hand. Bleiben wir hier stehen, haben wir nur die Hälfte verstanden. Wissenschaftsreflexion bezeichnet aber aktives Nachdenken, das Erschließen des Kontextes. Oder um im Bild zu bleiben, uns interessiert die Hintergründigkeit der wissenschaftlichen Zusammenhänge. Und manchmal kommt dabei das Gegenteil des vordergründig Gedachten heraus; Jons positiv konnotierter Vertrauensbegriff hat Schattenseiten und mein Scheitern-Begriff Sonnenseiten.

Aber zurück zur gestellten Frage: Uneindeutigkeit ist in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht das Ergebnis bewusst oder unbewusst vollzogener Differenzierungsprozesse. Vormals eindeutige Begriffe fangen an zu schillern. Dieses uneindeutige Begriffsverständnis führt zu Missverständnissen, und das bewirkt Verwirrung, welche uns beunruhigt. Aufgabe der Wissenschaftsreflexion ist es u.a. diese Differenzierung zu explizieren, und das heißt konkret, wieder ein eindeutiges Begriffsverständnis zu ermöglichen. Letzteres kann durch präzisierende Begriffsergänzungen geschehen wie z.B. fehler– bzw. irrtumsbedingtes oder produktives Scheitern. Also ja, Uneindeutigkeit ist typisch für wissenschaftsreflexives Arbeiten. Das aber ist lediglich der Startpunkt. Als Ergebnis dieser Arbeit sollten wir aus meiner Sicht schließlich wieder präzise, d.h. eindeutige Begriffe dem Wissenschaftsprozess zur Verfügung stellen.

 

Jon Leefmann: Dem kann ich nicht viel hinzufügen. Vielleicht nur, dass man auf solche Uneindeutigkeiten überhaupt erst einmal aufmerksam werden muss. Man braucht einen Anlass über das Vordergründige von Begriffen wie „Scheitern“ und „Vertrauen“ hinauszugehen. Bei einem schillernden und alltagsnahen Begriff wie „Vertrauen“ ist das gar nicht so schwer, diesen zu finden. Überlegen Sie sich, was Sie unter dem Begriff verstehen würden und dann gehen Sie mal dieses Interview durch und schauen, ob dieses Verständnis mit allen Aussagen, die darin über „Vertrauen“ gemacht werden, zusammenpasst. Wenn das nicht der Fall ist, worin liegt das? Haben wir dann ganz unterschiedliche Dinge gemeint? Oder liege ich vielleicht völlig daneben, wenn ich z.B. „Vertrauen“ in eine recht enge Beziehung zu „Wissen“ rücke?

 

Interesse, mehr zu erfahren?

Folgende Lehrveranstaltungen beschäftigen sich im kommenden Semester mit den im Interview genannten Themen:

Und unter diesen Links erfahren Sie mehr zum „Scheitern in den Wissenschaften“:

 


Das Semester gut in den Griff kriegen

Dieses Semester soll nicht alles erst auf den letzten Drücker erledigt werden? Sie wollen sich nicht gerade so mit Ach und Krach durch die Prüfungsphase retten, sondern das Ganze möglichst entspannt angehen?

Dann sind folgende Angebote genau das Richtige für Sie!


Ankündigungen

  • Am 18.10., von 14:00 bis 17:00 Uhr, findet die digitale Erstsemesterbegrüßung statt. Auch das ZiWiS ist dabei.
  • Und wer beim Langen Wochenende der Wissenschaften „g’scheid schlau“ werden will, kann hier ebenfalls an Veranstaltungen des ZiWiS teilnehmen.

 

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